Blondinenparty
(LuW) Blondinen sind out, man hört es immer wieder. Offensichtlich scheint diese Meldung aber noch nicht bis Zürich vorgedrungen zu sein, denn da liess Philip Ohlin in einem seiner vier Äkte, dem zweiten ganz genau, letzten Freitag eine "Blondinenparty" über die Bühne gehen.
Klar, daß mir als einziger echter Blondine (dafür gibt es ja eindeutige Beweise, die allerdings nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Wer das jetzt nicht versteht, soll sich mal den Film "A real Blonde" anschauen) vom 911-Team allein die Ehre gebührte, diese Party zu besuchen und darüber zu berichten. Also hab ich den Schreibblock und die Digitalkamera eingepackt (ja wirklich, ich kann sowas bedienen!) und mich in den 2.Akt begeben. Gespannt und mit vielen offenen Fragen natürlich: Ob Brünetten eingelassen werden? Bekommt man als Blondine gratis Cocktails? Und was für einen Effekt hat der Lockruf "blond" auf die Zürcher Männer? Und würde die Party neben den auf denselben Abend fallenden Neueröffnungen (unter anderem eines Lokals mit Namen "blaue Sau"), bestehen können?
Der zweite Akt ist einfach zu finden. Entweder man öffnet einen Stadtplan und sucht sich die Selnaustrasse 2 raus (Enge-Quartier), nahe Sihlbrücke, oder man macht's wie ich beim ersten Mal: Ich fuhr vor dem Kaufleuten vor (das liegt ganz in der Nähe, und das findet schliesslich jeder), kurbelte die Scheibe runter und fragte einen der auf zahlreichen auf Einlass Wartenden nach dem Weg. Der Befragte wird zwar nicht verstehen, wie man denn an einen anderen Ort hinwollen kann, und versucht Dich umzustimmen (falls Du weiblich bist, natürlich, und nicht gerade aussiehst wie Ruth Dreifuss), aber er wird Dir im Normalfall Auskunft geben.
Der Abend begann auf der ganzen Linie positiv. Ich fand auf Anhieb einen Parkplatz, der nicht weiter vom Lokal entfernt war, als wenn ich von zu Hause hätte gehen müssen, und der Türsteher hatte mich schon hereingelassen, ehe ich ihm sagen konnte, dass ich auf der Gästeliste stand. Ob die Strohballen vor dem Eingang nur einfach zur Dekoration dastanden oder vielleicht doch als Wegweiser für alle Blondinen, die ja nicht lesen können, schon gar nicht einen Stadtplan, ich habe nicht nachgefragt. An der Türe sah ich beim Hineingehen noch den Hinweis "geschlossene Gesellschaft".
Drinnen war schon eine heisse Party im Gange (um 23.00, wohlgemerkt, und in Zürich, wo man sich um diese Zeit doch noch kurz hinlegt vor dem Weggehen, ausser denen natürlich, die vor dem Kaufleuen Schlange stehen gehen müssen). Ich zwängte mich durch die Gäste, darunter auffallend viele Männer jeden Alters, rettete mich erst mal hinter die Bar und wendete mich an eine der vielen freundlichen Barmädels, an diesem Abend allesamt blond und in winzige rote Kleidchen verpackt.
Philip Ohlin empfing mich ebenfalls freundlich und nahm sich sogar einen Moment Zeit, mit mir zu plaudern. Kein Wunder, dass dieser Mann in guter Stimmung war, schliesslich war er sozusagen das Geburtstagskind des Abends. Deshalb auch die Idee mit den Blondinen, die er dieses Jahr zum zweiten Mal in Form einer "Blondinenparty" verwirklichte. Als gebürtiger Däne ist es nur verständlich, dass man sich fern von der Heimat wenigstens zur Feier des Geburtstages mit Vertrautem umgeben will, und für einen Skandinavier kommen da nur Blondinen in Frage. Und anstatt über so viel Heimatverbundenheit jetzt herablassend zu lächeln, erinnere sich der Schweizer Leser lieber mal daran, wie er sich bei seiner letzten längeren Auslandreise über die zufällig entdeckte Toblerone gefreut hat im Tankstellenshop.
Aber wer denkt, die blonden Bargirls seien die einzige Attraktion des Abends gewesen, der irrt gewaltig. Gerade, als ich mich auf einem Fenstersims in Position gebracht hatte, um Dj Gogo zu fotografieren, stiegen plötzlich alle 6 Magic Dancers persönlich in knappen weissen Lederklamotten und mit blonden Perücken bestückt auf den Tresen und gaben dem eh schon überforderten männlichen Publikum mit Ihrer Show den Rest. Ich war so diskret, mich beim Fotografieren an Colette und ihre Girls zu halten und die männlichen Gesichter mit offenen Mündern und ekstatischen Blick auszulassen.
Im übrigen waren an diesem Abend auffallend viele Leute mit Foto- und Video-Kamera zugegen, wobei ich - als einzige Frau - mir den einen oder anderen fragenden Blick einhandelte. Aber ich liess mich nicht einschüchtern und kämpfte gegen meine männlichen Mitstreiter um die besten Plätze zum Fotografieren. Weil es auf der Fensterbank und hinter der Bar letztlich nicht so lustig ist, mischte ich mich nach dem Fotografieren unter die Leute, die meisten von ihnen Stammgäste. Dabei kam ich mit stolzen Freunden und Brüdern von Blondinen ins Gespräch, die mir ungegfragt über die Vorzüge von Blondinen Auskunft gaben. Aber ich entdeckte auch einzelne brünette und schwarzhaarige Köpfe unter den weiblichen Besuchern, und die schienen sich bestens zu amüsieren. Nichts mit "blondes have more fun" also.
Originalinhalt von 911-party.com (Archiv, Stand November 2001) · ← alle Reviews

