2 Jahre Seigi' Party
(LuW) Etwas aufgeregt war ich schon vor diesem Abend im 3.Akt, weit ausserhalb von Zürich im mir unbekannten Aargau. Man hört ja Grauenhaftes aus Dj Bobo-Land. Schon mein Fahrlehrer schärfte mir ein, daß 'AG' im Autofahrerjargon soviel wie 'Achtung Gefahr' bedeutet und viele Schweizer reden vom Aargau wie von einem Krebsgeschwür. Der Aargauer scheint vielen, wenn überhaupt, dann nur in Witzen der Erwähnung wert, und auf der Beliebtheitsskala seiner eigenen Landesgenossen findet er sich irgendwo knapp vor dem Kosovo-Albaner auf den hinteren Rängen wieder. Hat der Aargauer das wirklich verdient?
Als Blondine und somit selbst Mitglied einer Randgruppe bin ich stets darum bemüht, offen zu sein für andere gesellschaftlich Benachteiligte und weigere mich strikt, Vorurteile fraglos zu übernehmen. Deshalb machte ich mich auf den Weg nach Brugg (nähe Baden), das nur ca. 25 Autominuten von Zürich entfernt liegt, um dieser Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Die Tatsache, daß Philip Ohlin persönlich mich eingeladen hatte, stimmte mich zuversichtlich und zudem war ich seit meinem letzten Besuch im 2.Akt tatsächlich neugierig, wie es denn im 3. und letzten mir unbekannten Akt so abgeht.
Der 3.Akt, mitten im Zentrum von Brugg, ist ein kleines, aber sehr feines Lokal, mit viel Ambiente, aufgeteilt in einen vorderen und einen hinteren Bereich, beide mit eigener Bar. Als ich reinkam, um etwa neun Uhr, war die vordere Bar schon reichlich bevölkert. Strahlemann Seigi, - der Geschäftsführer, dem dieser spezielle Abend gewidmet war -, empfing mich wie einen alten Kumpel und aus einem unerfindlichen Grund vergass ich innerhalb von Sekunden, dass ich diesem Mann noch nie zuvor begegnet war. Die Zürcher-Fassade aus Kühlheit und misstrauischer Grundhaltung fiel augenblicklich von mir ab und alle meine Reporter-Waffen, sprich kritischer Blick und skrupellose Neugier, waren temporär ausser Gefecht gesetzt. Erst, als ich mit einer ersten von vielen spendierten Flüssigkeiten an der Bar sass, kam ich wieder zu mir und besann mich auf meine journalistische Aufgabe.
Drei Jahre ist es her, dass dem ehemals verrufenen Spunten 'Pfauen' von Oberarzt Philip Ohlin das bewährte Akt-Konzept als Medizin zur Gesundung verschrieben wurde. Und es sollte wirken. Denn spätestens seit Seigi vor zwei Jahren die Geschäftsführung übernommen hat, ist das Lokal d e r konkurrenzlose Treffpunkt für junge Leute aus Brugg, Baden und Umgebung. Es heisst denn auch nicht mehr 'los komm, wir gehen in den 3.Akt', sondern 'komm, wir gehen zum Seigi'.
Seigi, selbst ein Brugger, ist von der Sorte Mensch, die einem keine Wahl lassen: man muss ihn einfach mögen. Und nicht nur Seigi. Michelle, seine Freundin, Stelio, sein Bruder, Natascha, dessen Freundin, Lars, Peter und George, sie alle gehören zum Dreamteam, das den 3.Akt so sympathisch macht. Eine wahre Family, nicht ganz so zahlreich wie die Kelly Family zwar, aber dafür mit besserem Musikgeschmack. Der dafür sorgt, dass sowohl grosse Djs wie Mr. Mike oder wie an diesem Abend Mas Ricardo, sowie auch unbekanntere Djs die Leute regelmässig zum Hüftewackeln bringen. Dass eigentlich gar kein Platz zum Tanzen da ist, scheint niemanden wirklich zu stören. Aber nicht nur Dj-Prominenz ist im 3.Akt anzutreffen. Auch der ZSC-Spielmacher Michel Zeiter hebt hier gern mal ein Glas, und unter der Zürcher-Meute, die zu diesem besonderen Anlass wie Pilgerer im Car anrückten, befanden sich einige bekannte Szenegesichter. Dass am Schluss noch Anisch persönlich mit ihrer Powergroup zum Tabledance erschien, überraschte mich überhaupt nicht mehr.
Für mich als verhärtete Zürichgängerin, gewohnt an böse Blicke von aufgetakelten Tussis, harte Körpersprache von üblen Machos, grossgekotzte Sprüche von eingebildeten Pseudo-Promis und gehässige Worte von gestresstem Barpersonal, war dieser Ausflug in die Provinz so eine Art Wellness-Aufenthalt. Gute Musik, gesunde Flüssikeiten und überall nur gutgelaunte, nette Leute. Sogar die, denen ich wiederholt auf den Füssen rumtrampelte, um meine Bilder zu schiessen, lächelten mich unbeeindruckt freundlich an. Wer dies jetzt auf den Konsum irgendwelcher Pillen oder Pilze zurückführt, liegt übrigens falsch. Wer etwas härteres sucht als Vodka, findet besser Orte als Brugg.
Als ich mich kurz nach Mitternacht in mein Auto setzte und mich auf den Heimweg machen wollte, entdeckte ich im Rückspiegel auf meinem Gesicht das typische, etwas debil anmutende Grinsen simpler Zufriedenheit. Es hielt bis zur Ausfahrt Zürich Nordring. Und da wusste ich: Ich werde wieder gehen, zum Seigi, nach Brugg. Und ich werde die Aargauer in den Witzen zukünftig durch Österreicher ersetzen.
Eure Lulu (LuW)
Hier noch einige Links:
Mambo" in Australien
Den Zürcher Mambo Store von Bettina und Sämi, wo Seigi und seine family Stammkunden sein sollen, wie man mir erzählte, findet ihr an der Brunngasse 2 in Zürich, Nähe Hechtplatz
ZSC
Der Webauftritt des Zürcher Schlittschuhclubs ist langsam und staubtrocken. Fans von Michel Zeiter werden enttäuscht, Bilder und sonstige Angaben der Spieler sucht man vergebens
offizielle Webseite von Brugg
Könnte noch etwas schneller und fröhlicher werden, aber sehr informativ, z.B. mit Angaben zur Müllabfuhr und so
Originalinhalt von 911-party.com (Archiv, Stand November 2001) · ← alle Reviews

