Victory 4
Um auch den 25.12, also den offiziellen Weihnachtstag, nicht in der üblichen Lamettaumgebung verbringen zu müssen, traf ich mich am offiziellen Weihnachtstag mit Gleichgesinnten in der Biella Factory in Biel. Und im weitesten Sinne war es auch so etwas wie eine Familienparty: INKA lud ein zur VICTORY 4. Wobei ich mit 'einladen' nicht Gratis-Eintritt meine, sondern einfach, dass INKA diese Party veranstaltete und damit allen Weihnachtsflüchtlingen eine gute Alternative zur Gassenküche bot, die in der Nähe ihr alljährliches Weihnachtsessen für Einsame veranstaltete. Die Gassenküche hatte wohl auch nicht dasselbe Budget zur Verfügung, aber das interessiert an dieser Stelle ja eigentlich keinen.
Jedenfalls waren die 4 offenen Räume mit Hiphop, Trance, Progressive und House im darübergelegenen Take 5 um Mitternacht alle rege besucht und die grösstenteils bernstämmigen Djs liessen sich nicht vom Weihrauchdunst benebeln, der in dicken Schwaden über den Köpfen der Tanzenden hing, sondern bretterten ordentlich drauflos. So richtig, wie sich das für eine besinnliche Weihnachten gehört. Die tropischen Temperaturen, passend zur reichlich grünen Deko, liess einen auch ganz schnell das Fernweh nach den Seychellen vergessen. Wer will schon tausende von Franken für einen mühsamen Flug in feuchte 35 Grad bezahlen, wenn er viel billiger und näher dazu kommt?
Auch das Schweregefühl vom zuvielen Essen über die Festtage war schnell verschwunden, man nutzte den Energieüberschuss zum Abtanzen. Wenn das alle Leute so machen würden, bräuchten sie nicht als erstes im neuen Jahr in überfüllten Fitnesszentren mit anderen Truthahn- und Weihnachtsgebäckgeschädigten zu Dj Bobo um die Wette zu hopsen. Das nur so am Rande.
An Weihnachten erinnerte an diesem Abend nur weniges. Zum einen die zwei sehr lustigen jungen Herren mit den roten Nikolausmützen, zum anderen der schon erwähnte Weihrauch. Wobei ich mir allerdings nicht ganz sicher bin, ob die drei Könige dem kleinen Jesu dasselbe Kraut mit an die Krippe gebracht haben, was an der VICTORY für schöne Gefühle sorgte. Wie auch immer, alle waren happy, alle liebten sich selbst wie den nächsten, niemand tötete, niemand beging Ehebruch (denke ich mal). Alles in allem also durchaus ein Fest im Sinne des Himmels, wenn die da oben auch vielleicht etwas andere Musik hören.
Und hätte der Veranstalter gewusst, dass gegen zehn Uhr morgens Sturm 'Kurt' über die Schweiz kommen würde, hätte er vielleicht um 5.00 nicht so herzlos die Anlage abgedreht und das Partyvolk nach Hause geschickt. Ueber Lärm und Ruhestörung hätte sich an diesem Katastrophensonntag nämlich bestimmt niemand beklagt.
Originalinhalt von 911-party.com (Archiv, Stand November 2001) · ← alle Reviews

